Bundesregierung und das Gesundheitssystem
Appell und Demonstration Umwelterkrankter in Berlin am 10.09.2003
 
Antje Reetz , 1. Vorsitzende des Vereins für Umwelterkrankte e.V. Bredstedt
 
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Sehr geehrte Frau Ministerin Schmidt, sehr geehrte Frau Staatssekretärin Caspers-Merk, sehr geehrte Damen und Herren,

wir danken Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen haben, uns anzuhören und uns so die Möglichkeit bieten, Ihnen unsere Probleme darzustellen.

Diese Gruppe umwelterkrankter Menschen, die sich hier versammelt hat, steht als Abordnung vieler Tausend Menschen hier, die durch Umweltschadstoffe erkrankt sind.

Leider ist es umwelterkrankten Personen nur in den seltensten Fällen möglich, eine Reise wie diese hierher anzutreten. Trotzdem hat diese Gruppe alles getan, um hier vor Ihnen stehen zu können. Der angeschlagene Gesundheitszustand der Umwelterkrankten und die daraus folgende schlechte körperliche Verfassung lassen eine Reise in den meisten Fällen nicht zu. Das Risiko einer Reise, auf der ein Kontakt mit Symptom auslösenden Stoffen kaum zu vermeiden ist - was wiederum eine unabsehbare gesundheitliche Verschlechterung bis hin zu einem lebensbedrohlichen Zusammenbruch zur Folge haben kann - ist für viele zu groß.

Wir, die hier heute versammelt sind, vertreten alle die Menschen in Deutschland, die unter einer Umwelterkrankung wie MCS (Multiple Chemikalien-Sensitivität), CFS (Chronisches Fatigue-Syndrom) und Fibromyalgie leiden. Die Grenze dessen, was für jeden Einzelnen dieser Betroffenen zu ertragen ist, wird schon seit langer Zeit überschritten. In den Wochen und Monaten vor der letzten Bundestagswahl wurde uns von der rot–grünen Regierung versprochen, dass die Versorgung der Umwelterkrankten verbessert werden soll. Leider wurde von diesem Versprechen bis zum heutigen Tag nichts erfüllt. Und die neue Gesundheitsreform verschlimmert den Zustand dieser Personengruppe noch erheblich.

Mit Erstaunen stellen wir immer wieder fest, dass unsere Politiker erkennen, wie stark unsere Umwelt - das heißt: unsere Luft, unser Waldbestand, unser Wasser und die Tiere - durch die Belastung der unterschiedlichsten Schadstoffe zerstört - das heißt: krank - wird. Eine lobenswerte Erkenntnis. Für all diese Probleme gibt es Experten: den Baumdoktor, den Biologen, den Meeresforscher und viele andere mehr. An diesem Punkt ist unsere Umwelt uns weit voraus, da gibt es inzwischen in allen Bereichen einen oder mehrere Spezialisten, was von uns positiv bewertet wird.

Wir, die Menschen, die durch Umweltschadstoffe erkrankt sind, werden jedoch nicht ernst genommen und so auch nur in seltenen Fällen einem Spezialisten, das heißt: einem Arzt vorgestellt, der langzeitige Erfahrungen mit Umwelterkrankungen gesammelt hat. Uns behandelt man in den meisten Fällen entwürdigend, stellt uns als Simulanten, Spinner oder psychisch Kranke hin und schickt uns im schlimmsten Fall in die Psychiatrie. Wo die Ärzte nichts mit uns anfangen können, weil sie das Krankheitsbild eines Umwelterkrankten nicht kennen oder akzeptieren und die dort eingeleitete Behandlung dem Betroffenen nicht hilft sondern schadet. Es gibt kaum hilfreiche Behandlungsmöglichkeiten und gut ausgebildete Umweltmediziner, von Krankenhausbetten ganz zu schweigen. Und die Forschung lässt ebenfalls zu wünschen übrig. Die einzige Umweltklinik in Deutschland, das Fachkrankenhaus Bredstedt in Nordfriesland verfügt leider nur über sechs Betten für umwelterkrankte Menschen – leitender Arzt ist Dr. Eberhard Schwarz.

In dieser Klinik werden umwelterkrankte Menschen mit großem Erfolg behandelt, was durch eine Studie der Uni Lübeck bestätigt wurde. Leider ist die Ambulanz der Umweltabteilung jetzt ohne Vertrag der Krankenkassen, weil nach Ablauf der bestehenden Verträge, die Kassen nicht bereit waren diese Verträge zu verlängern. Was bedeutet, dass dort keine ambulanten Behandlungen mehr, im Rahmen der vertragsärztlichen Versorgung durchgeführt werden können. Die letzte ambulante Behandlungsmöglichkeit wurde den schwer erkrankten Menschen damit genommen. Sie sind somit ohne fachärztliche Versorgung. Was wiederum bedeutet, dass ihre behandelnden Ärzte sie in den meisten Fällen zu einem Psychiater schicken, weil sie mit dem Krankheitsbild eines Umwelterkrankten nichts anfangen können. Ihnen fehlt die nötige Ausbildung, um eine Umwelterkrankung zu diagnostizieren und zu behandeln. Die Behandlungen, die von einem nicht kompetenten Arzt verordnet oder durchgeführt werden, bringen dem Betroffenen keine Besserung, sondern verschlimmern, im schlimmsten Fall, seine gesundheitlichen Probleme zusätzlich. Von den Kosten, die so durch den ständigen Arztwechsel oder Überweisungen von Arzt zu Arzt entstehen, ganz zu schweigen. Das Verleugnen dieser Probleme und das Ignorieren dieser schwer erkrankten Menschen seitens unserer verantwortlichen Politiker lässt die Betroffenen leiden und kostet alle Kostenträger sinnlos verschwendetes Geld. Warum ist das so? Wer soll so geschützt oder geschont werden? Die Chemieindustrie? Die Pharmaindustrie? Müssen wir leiden, weil Verursacher geschont und nicht zur Verantwortung gezogen werden sollen?

Wir wollen diesen Zustand nicht mehr hinnehmen, sondern wollen geschlossen dafür kämpfen, dass wir als Umwelterkrankte mit sicher gestellter Diagnose anerkannt werden, und dass - daraus folgend - unsere Lebensqualität verbessert wird.

Dass Umweltschadstoffe eine zerstörerische Wirkung zeigen, krank machen und für alle Lebewesen eine lebensbedrohliche Wirkung haben, ist seit langer Zeit bekannt. Warum wird bei Menschen, die ja auch nur Lebewesen sind, die unter einer Umwelterkrankung wie zum Beispiel: MCS, CFS und Fibromyalgie leiden, ausgeschlossen oder angezweifelt, dass ihre Gesundheitsstörungen durch Umweltschadstoffe ausgelöst werden? Diese Denk- und Handlungsweise verantwortlicher Personen bedeutet, dass es tatsächlich immer noch Menschen gibt, die durch Ignoranz oder Überheblichkeit dem Glauben verfallen sind - oder sogar davon überzeugt sind -, dass die Menge unterschiedlicher Umweltschadstoffe, mit denen wir täglich in Berührung kommen, vor uns Halt macht oder an uns vorüberzieht, ohne bei uns - dem Menschen- Schaden anzurichten. Das bedeutet, dass an dem Leid, das schon viele Betroffene ertragen mussten, vorbei gesehen wird.

Was bilden diese Menschen sich ein? Dass sie verschont werden, weil sie intelligent genug sind, diese krank machenden Stoffe zu entwickeln? Wir müssen leider erkennen das sie nicht intelligent genug sind, um zu erkennen, dass sie sich und andere mit ihren krankmachenden Stoffen umbringen! Die Anzahl der schon Erkrankten und die stetige Zunahme der Umwelterkrankungen beweisen den Ignoranten unserer Probleme und Erkrankungen und gleichzeitig den eingebildeten Personen das Gegenteil.

Wir alle, die unter einer Umwelterkrankung wie MCS, CFS oder Fibromyalgie leiden, fordern unsere Politiker auf, sich endlich dazu durchzuringen,

  • die Probleme der umwelterkrankten Menschen ernst zu nehmen,
  • sich um die Belange dieser Personengruppe zu kümmern,
  • ihre diagnostische Anerkennung durchzusetzen und
  • sich verstärkt dafür einzusetzen, dass diesen Menschen eine angemessene Behandlung ermöglicht wird, die wie bei anderen chronisch Erkrankten
  • von den Kostenträgern übernommen werden muss.
Weiter fordern wir
  • die Schaffung der dafür erforderlichen und geeigneten stationären und ambulanten Einrichtungen,
  • damit auch diese Patientengruppe in Zukunft nicht weiter menschenentwürdigend und verachtend behandelt wird.

Das Verschließen der Augen vor diesem ernsten Problem wird in Zukunft Keinem mehr gelingen, weil wir - die schon Erkrankten - uns das nicht mehr bieten lassen! Gemeinsam werden wir mit Taten alle Verantwortlichen dazu zwingen uns zu sehen, um sich mit uns und unseren Problemen auseinander setzen zu müssen. Damit Politiker, Ärzte und andere Verantwortliche dazu gezwungen werden, sich dafür stark zu machen, dass auch wir wieder ein menschenwürdiges Leben führen können. Den Wert einer Gesellschaft – mit seiner Regierung - erkennt man daran, wie sie mit ihren schwächsten Gliedern umgeht!

Ich danke Ihnen!

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